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"Die Hölle ist der Ort der größtmöglichen Gottesferne"

vor 2 Tagen in Kommentar, 12 Lesermeinungen
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Wann haben wir aufgehört, Gott zu vermissen? Von Diakon Ulrich Franzke


Essen (kath.net/uf) Es ist lange her. Lange bevor ich am Erzbischöflichen Diakoneninstitut Köln Theologie studierte und mich auf das Diakonat vorbereitete, absolvierte ich den Würzburger Fernkurs Theologie. In einer mündlichen Prüfung stellte mir einer der Prüfer eine einfache Frage: „Was ist eigentlich die Hölle? Wie müssen wir sie uns vorstellen?“ Eine gefährliche Frage. Sie fordert geradezu dazu heraus, von Feuer und Schwefel zu sprechen, von Dämonen, ewigen Qualen und siedendem Öl. Bilder dafür gibt es genug. Ob in Dantes Inferno, in mittelalterlichen Darstellungen oder in den Visionen von Fatima: Immer versucht der Mensch, das Unsagbare in Bilder zu fassen. Ich antwortete jedoch nicht mit einem Bild, sondern mit einem einzigen Satz: „Die Hölle ist der Ort der größtmöglichen Gottesferne.“ Der Prüfer war zufrieden. Die Prüfung ging weiter.

Für mich war diese Frage damit zunächst beendet. Heute glaube ich, dass sie damals erst begonnen hat. Denn wenn die Hölle tatsächlich der Ort der größtmöglichen Gottesferne ist, dann lässt mich seit vielen Jahren eine andere Frage nicht mehr los: Kann man jemanden vermissen, den man nie gesucht hat?

Vor einigen Wochen stand ich nach einer Veranstaltung noch mit einigen Damen zusammen. Man sprach über Gott, den Himmel und die Hölle. Eine ältere Dame, die ich auch schon öfter in der Kirche gesehen hatte, sagte fast beiläufig: „Ach, dann gehe ich doch lieber in die Hölle. Da ist sowieso mehr los.“ Die anderen lachten. Ich nicht. Denn plötzlich bekam jener Prüfungssatz eine Bedeutung, die ich viele Jahre zuvor noch nicht erkannt hatte.

Was sagt der Satz „Die Hölle ist der Ort der größtmöglichen Gottesferne“ eigentlich aus? Über die Hölle – und letztlich über uns? Kann ein Mensch die größtmögliche Gottesferne überhaupt noch als Verlust empfinden, wenn Gott in seinem Leben schon heute kaum eine Rolle spielt? Wenn der Himmel langweilig erscheint und die Hölle wie der interessantere Ort, sagt das dann etwas über Himmel und Hölle aus? Oder verrät es vielmehr etwas über unser Verhältnis zu Gott?


Vielleicht liegt genau hier eine der tiefsten Veränderungen unseres Glaubenslebens. Früher fragten Christen: Wie komme ich in den Himmel? Heute hört man häufiger die Gegenfrage: Warum sollte überhaupt jemand verloren gehen? Hinter diesen beiden Fragen stehen zwei völlig verschiedene Blickrichtungen. Die eine sucht das Heil. Die andere setzt es beinahe schon voraus.

Vielleicht hat die Hölle gerade deshalb ihren Schrecken verloren. Nicht weil die Kirche aufgehört hätte, an ihre Existenz zu glauben. Sondern weil viele Menschen Gott selbst aus dem Blick verloren haben. Wer seine Nähe nicht sucht, empfindet seine Abwesenheit auch nicht als Verlust.

Deshalb glaube ich inzwischen, dass die Bemerkung der älteren Dame gar keine Ausnahme war. Ich habe ähnliche Sätze immer wieder gehört: „Im Himmel wäre mir zu langweilig.“, „In der Hölle kenne ich wenigstens schon ein paar Leute.“ Man lacht darüber. Aber worüber lachen wir eigentlich?

Vielleicht haben wir weniger die Hölle vergessen als Gott selbst. Wer ihn nur noch als freundlichen Begleiter versteht, wird seine Abwesenheit kaum als Verlust empfinden. Wer ihn dagegen als Ursprung allen Lebens, aller Wahrheit und aller Liebe erkennt, hört den Satz von der größtmöglichen Gottesferne plötzlich ganz anders. Ist Gott selbst Liebe, Wahrheit, Leben und Schönheit, dann bedeutet Gottesferne die endgültige Abwesenheit all dessen, wonach der Mensch sich letztlich sehnt. Feuer und Schwefel erscheinen dagegen beinahe nebensächlich. Sie sind Bilder. Das eigentliche Grauen liegt tiefer: Wenn Gott Liebe ist, dann ist Gottesferne radikale Lieblosigkeit. Wenn Gott Wahrheit ist, dann ist Gottesferne radikale Unwahrheit. Wenn Gott Leben ist, dann ist Gottesferne radikaler Tod. Wenn Gott Schönheit ist, dann ist Gottesferne die endgültige Abwesenheit aller Schönheit. Nicht das Feuer macht die Hölle zur Hölle. Sondern die endgültige Abwesenheit dessen, was jedes menschliche Herz letztlich sucht – auch dann, wenn es sich dessen gar nicht bewusst ist.

Diese Gedanken helfen vielleicht auch, ein Wort Jesu neu zu hören, das heute kaum noch zitiert wird. Er spricht vom engen Tor und vom schmalen Weg, der zum Leben führt, während der Weg ins Verderben breit ist (siehe Mt 7,13-14). Viele empfinden diese Worte als hart. Vielleicht deshalb, weil wir sie sofort als Drohung verstehen. Doch vielleicht beschreiben sie zunächst nur eine Wirklichkeit. Christus ist der Weg. Und doch kann der Mensch an ihm vorbeigehen. Nicht weil Gott den Menschen verlieren möchte. Sondern weil Liebe niemals erzwungen werden kann.

Warum Gottesferne das Schrecklichste wäre, hängt deshalb ganz davon ab, wer Gott überhaupt ist. Genau darauf antwortet Jesus überraschend. Er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Das ist einer der kühnsten Sätze des ganzen Evangeliums. Jesus beschreibt nicht einen Weg zu Gott. Er beschreibt sich selbst. Wer ihm begegnet, begegnet nicht nur einem Lehrer oder Propheten. Er begegnet dem, der selbst Wahrheit, Leben und Liebe ist.

Auch das Zweite Vatikanische Konzil hält diese Spannung bewusst aus. Es spricht einerseits vom universalen Heilswillen Gottes und eröffnet damit eine große Hoffnung auch für Menschen, die Christus ohne eigene Schuld nicht erkannt haben (Lumen Gentium 16). Gleichzeitig warnt dasselbe Konzil ausdrücklich davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Selbst wer zur Kirche gehört, kann das Heil verfehlen, wenn er nicht in der Liebe bleibt (Lumen Gentium 14). Hoffnung und Ernst gehören untrennbar zusammen. Beides ist katholische Lehre.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum Jesus so selten den Himmel beschreibt. Er malt keine Postkarten vom Jenseits. Er spricht nicht von Wolken, Harfen oder goldenen Straßen. Er ruft die Menschen vielmehr in seine Gemeinschaft. Denn das Ziel des christlichen Glaubens ist nicht zuerst ein Ort. Das Ziel ist eine Person. Und vielleicht liegt genau hier auch der Denkfehler hinter dem Satz der älteren Dame. Wer den Himmel für langweilig hält, stellt sich offenbar einen Ort vor. Das Christentum verspricht aber keine ewige Unterhaltung. Es verspricht die vollkommene Gemeinschaft mit Gott. Wenn Gott Liebe, Wahrheit, Leben und Schönheit ist, dann ist der Himmel nicht bloß Gemeinschaft mit einer Person, sondern Gemeinschaft mit Liebe selbst, mit Wahrheit selbst, mit Leben selbst und mit unvorstellbarer Schönheit.

C. S. Lewis hat die Hölle einmal als eine Stadt beschrieben, die immer größer und gleichzeitig immer leerer wird. Nicht weil Gott die Menschen voneinander trennt. Sondern weil Menschen, die Gott ablehnen, am Ende auch die Liebe ablehnen und deshalb jede Gemeinschaft verlieren. Ob Lewis damit recht hat, wissen wir nicht. Aber der Gedanke erschüttert mich. Denn wenn Gott Liebe ist, dann könnte die größtmögliche Gottesferne tatsächlich die größtmögliche Einsamkeit sein.

Der Satz der älteren Dame erschreckt mich bis heute. Nicht weil sie von der Hölle sprach. Sondern weil Gottesferne für sie offenbar kein Verlust mehr war. Wenn Christus wirklich der Weg und die Wahrheit und das Leben ist, dann ist die eigentliche Frage nicht, ob es die Hölle gibt. Sondern: Wann haben wir aufgehört, Gott zu vermissen? Vielleicht beginnt der Weg zu Gott genau dort, wo ein Mensch wieder merkt, dass ihm etwas fehlt. Vielleicht ist die Sehnsucht nach Wahrheit, nach Liebe und nach Leben bereits der erste leise Ruf Gottes. Nicht weil der Mensch Gott gefunden hätte. Sondern weil Gott längst begonnen hat, ihn zu suchen.


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Lesermeinungen

Lupivius vor 31 Stunden: @chorbisch

Lieben Dank dafür, dass Sie mich als lehramtstreuen Katholiken bezeichnen.

In meinem Studium lernte ich, dass die Art, wie wir beten, unseren Glauben formt (Lex orandi, lex credendi). Oder etwas abgewandelt ausgedrückt: Die Art, wie eine Gemeinschaft ihren Glauben im Gebet ausdrückt, zeigt wie sie ihn versteht.

Ein Priester sollte das Herz gar nicht erst in der Hose schlagen, sondern in seiner Brust und das Evangelium unverkürzt und unverfälscht verkünden.

Zwei Anmerkungen zu Details:
1. Mein Name hier ist nicht lupvius sondern Lupivius.
2. Ich habe nichts zu Pastoralreferentinnen geschrieben.

chorbisch vor 36 Stunden: @ SarahK; Karlmaria

@ SarahK: Das bestreite ich keineswegs, aber ich bleibe dabei, dass mir Lupvius Beitrag von der Argumentation her etwas zu "klischeelastig" ist.

@ Karlmaria: Ich denke aber schon, dass gläubige Protestanten es in der Regel nicht bei der "einmaligen Entscheidung" belassen und dann die Hände in den Schoß legen. Auch dort wird gebetet und ich glaube auch, dass sich viele Protestanten, früher mehr als heute, wie bei den Katholiken auch, sich darüber klar sind, dass sie an ihrer Beziehung zu Gott und ihrer Lebensführung im Sinne seiner Gebote täglich arbeiten und manchmal auch darum kämpfen müssen.

Aber die Entscheidung FÜR ihn ist doch der Anfangspunkt dieses Weges.

Damit will ich die Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht nivellieren, aber Ihrer Schlussfolgerung kann ich so nicht folgen.

Karlmaria vor 36 Stunden: Die Beziehung zu Gott wächst durch Gebet und Opfer

Der protestantische Ansatz ist deshalb falsch dass man sich nur ein für allemal für Gott entscheiden muss. Nach der Entscheidung muss weiter an der Beziehung zu Gott gearbeitet werden. Das geht eben durch Gebet und Opfer. Die Heilige Messe ist das größte Opfer und dann sind da noch die kleine Dinge des Alltags die natürlich auch schwer sein können: Wenn ihr nur die liebt die euch lieben was tut ihr da Besonderes sagt Jesus Christus. Oder jeden Tag zur Arbeit gehen weil Gott will dass man sein selbst verdientes Brot isst und geben seliger ist als nehmen!

SalvatoreMio vor 37 Stunden: Die ewige Finsternis und Gottferne

Unser Herr hat des Öfteren und auf ganz unterschiedliche Weise von der Hölle gesprochen und vom Heuen und Zähneklappern, auch in weniger gruselig klingenden Gleichnissen, wo der Herr Rechenschaft fordert über ihre Taten, und ein unnützer Knecht am Ende "rausgeschmissen" wird, weil er völlig versagt hat. - Getrennt sein von den Gütern und dem Glanz der Herrlichkeit Gottes - was kann das Anderes sein, als des Himmels verlustig gehen? Und warum erzählt Jesus solche Schauergeschichten? Bestimmt nicht zur Unterhaltung mangels Fernseher ud Krimis, sondern weil er uns liebt und retten will. Sein Werk der Rettung ist Gnade, Geschenk - nicht Verdienst, obwohl manche unter uns sich sehr verdient machen.

SarahK vor 2 Tagen: @Herr Chorbisch

nunja jetzt mal abgesehen von den Spät 68ern und der Generation in der vermittelt wurde der Zölibat würde wegfallen, denke ich gibt es schon Priester die unter dem Druck stehen eventuell leider sogar umfallen, dass Laien predigen „wir kommen alle in den Hinmel“ und der Priester der es besser weiß dann nicht der „Böse“ sein möchte, vlt. gibt es das in der evangelischen Kirche nicht bei uns schon. Ein richtig guter Priester hat mir mal gesagt dass er hofft dass Gott auch Menschen aus der Hölle holt und ich habe mich dann gefragt ‚warum guckst du nicht, dass sie nicht rein kommen‘. Msgr Charles Pope schreibt in seinem Buch sehr gut warum die Hölle endgültig ist, kann ich wirklich jedem empfehlen. (The Hell there is)

chorbisch vor 2 Tagen: @ Lupvius

Auch ein den jeweiligen liturgischen Vorschriften nach völlig korrekt gekleideter Priester kann dennoch "Mist" verkünden.

Es ist ein bei lehramtstreuen Katholiken immer mal wieder auftretendes Phänomen, sich an Details aufzuhängen und dabei das Wesentliche zu übersehen.

Oder wie mal jemand gesagt hat: "Es kommt nicht auf die Hose an, sondern auf das Herz, das darin schlägt!" ;-)

Und Ihre Probleme und Abneigungen gegen Pastoralreferentinnen sind Ihre Sache und haben mit dem Thema des Artikels nicht wirklich etwas zu tun. Außer, dass man auch durch den Gebrauch falscher Worte in die Hölle kommen kann.

Lupivius vor 2 Tagen: Womit kommt der denn an?

Ja, hallo. Wie ist der denn drauf? Von Hölle, Fegefeuer und Satan wird heute doch nicht mehr geredet. Schließlich soll eine Frohbotschaft verkündet werden und keine Drohbotschaft…

Solch einen Mist verkünden Mietlinge der Episkopatskirche in Deutschland, oft gehüllt in priesterlichem Gewand oder einer Phantasie-Mantelalbe einer Gemeindereferentin. Den „einfachen“ Gläubigen mache ich deshalb nur bedingt einen Vorwurf. Obwohl viele den konkreten Vorschlag, selber in der Heiligen Schrift zu lesen, nicht annehmen. Freiwillig versinken sie in Chaos und Irrlehre.

Freude an der Kirche vor 2 Tagen: Freiwillige Abkehr von Gott - der Mensch selbst wählt die Hölle zeitlebens

KKK 1037 - Niemand wird von Gott dazu vorherbestimmt, in die Hölle zu kommen [Vgl. DS 397; 1567]; nur eine freiwillige Abkehr von Gott (eine Todsünde), in der man bis zum Ende verharrt, führt dazu. Bei der Eucharistiefeier und in den täglichen Gebeten ihrer Gläubigen erfleht die Kirche das Erbarmen Gottes, der „nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern daß alle sich bekehren" (2 Petr 3,9):

„Nimm gnädig an, o Gott, dieses Opfer deiner Diener und deiner ganzen Gemeinde; ordne unsere Tage in deinem Frieden, rette uns vor dem ewigen Verderben und nimm uns auf in die Schar deiner Erwählten" (MR, Römisches Hochgebet 88).

Christianlay vor 2 Tagen: gut erkannt!

Eine sehr treffende Analyse. Sie hellt auch auf, warum die Aussage: "Gott liebt Dich!" auf taube Ohren stößt: Denn wer möchte schon von jemandem geliebt werden, den er selbst nicht liebt, der ihm gar gleichgültig ist!
Uwe Lay pro Theol Blogspot

gebsy vor 2 Tagen: Das Heil zu verfehlen,

obwohl Gott selbst alles für die Rettung JEDES beseelten Geschöpfes VOLLBRACHT hat, ist unfassbar.

Darf in diesem Kontext Phil 2, 5-11 erwähnt werden?

Mariat vor 2 Tagen: Manchmal wird das Wort "Hölle" nur so dahin gesagt.

...ob man daran glaubt ( Dogma),ist nicht wichtig. Dann leider gibt es auch Christen, die jeden Verstorbenen, gleich im Himmel wissen.
Als ich etwas dagegen sagte, hieß es: Man tut sich selbst weh, wenn man denkt, oder zumindest in Erwägung zieht, dass der Verstorbene nicht im Himmel ist.
Frage: Gibt es denn dann das reinigende "Fegefeuer"?( auch ein Dogma).

Fragen über Fragen.
Vielleicht geht der Weg in den Himmel " durch das Hl. Herz Jesus".

Gelobt sei Jesus Christus.

Stefan Fleischer vor 2 Tagen: Wann haben wir aufgehört, Gott zu vermissen?

Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, so war Gott noch viel mehr allgegenwärtig. Selbst die Atheisten von damals wussten, dass es zwei Möglichkeiten gibt. Entweder ist Gott allgegenwärtig, in meinem Leben und in der ganzen Welt. Oder er ist nicht gegenwärtig. Dann spielt er auch keine Rolle, weder in meinem Leben noch im Leben der Welt, noch in dem, was nach dem irdischen Tod kommt. Die Atheisten wählen ein Leben ohne die Gegenwart Gottes. Die christlichen Heiligen wählen ein Leben mit dem allgegenwärtigen Gott. Viele Christen heute drücken sich um diese Wahl. Um den endgültigen Entscheid für oder gegen Gott aber wird sich niemand drücken können. Glücklich ist, wer sich schon in diesem Leben für Gott entschieden hat. Er wird beim letzten Entscheid richtig wählen.

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