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Die Würde des Menschen ist unverfügbar

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Leo XIV.: ‚Gaudium et spes‘ und die Frage nach dem Menschen. Die Würde des Menschen als Gabe Gottes, als Beziehung und als Auftrag zu Wahrheit, Gewissen, Freiheit und Gemeinschaft. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) „Herr, unser Herr, / wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Hoheit gebreitet hast über den Himmel. […] Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße“ (Ps 8,2.5-7).

Papst Leo XIV. setzte bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz seine Katechesen über die Pastoralkonstitution Gaudium et spes des Zweiten Vatikanischen Konzils fort. Im Mittelpunkt stand das erste Kapitel der Konstitution, das der Würde der menschlichen Person gewidmet war. Diese Würde bildete nach den Worten des Papstes die Grundlage und Voraussetzung jener „Werte, die heute besonders in Geltung sind“, dürfe aber nicht von ihrem „göttlichen Ursprung“ getrennt werden, wenn sie nicht den möglichen Verzerrungen durch die „Verderbtheit des menschlichen Herzens“ ausgesetzt werden solle (vgl. GS 11).

Leo XIV. ordnete die Entwicklung der Vorstellung von der Würde und den Grundrechten des Menschen in die Geschichte ein. Der Weg, auf dem die grundlegenden Merkmale und Rechte der menschlichen Person sichtbar geworden seien, stelle eine Seite der Menschheitsgeschichte dar, doch sei dieser Weg nicht abgeschlossen. Nach wie vor müsse er sich mit alten und neuen Widersprüchen auseinandersetzen, die einer vollständigen Verwirklichung der Menschenwürde entgegenstünden. Die Kirche leiste hierzu ihren Beitrag, indem sie daran erinnere, dass die menschliche Würde aus dem Sein der Person selbst hervorgehe. Der Papst verwies dabei auf seine Enzyklika Magnifica humanitas und zitierte daraus: „Von seinem Wesen her auf Beziehung ausgerichtet, ist jeder Mensch von Gott daraufhin erdacht und gewollt, in Gemeinschaft mit ihm, mit den anderen und mit der Schöpfung zu treten. Seine Würde hängt nicht von seinen Fähigkeiten, seinem Reichtum oder der Position ab, die er einnimmt, noch von den richtigen oder falschen Entscheidungen, die er trifft, vielmehr ist sie ein Geschenk, das ihm vorausgeht und ihn übersteigt, und Ausdruck der nie endenden Liebe Gottes ist“ (MH 50). Damit war für Leo XIV. zugleich die Grundlage einer Würde bezeichnet, die nicht von Leistung, Besitz, gesellschaftlicher Stellung oder persönlichem Verhalten abhängig war. Die unendliche Würde des Menschen gründe vielmehr in seiner Identität als Geschöpf, das „‚nach dem Bild Gottes‘ geschaffen“ und „fähig ist, seinen Schöpfer zu erkennen und zu lieben“. Der Mensch sei damit in einen göttlichen Plan und eine Gabe der Liebe gestellt, die über die übrige Schöpfung hinausweise. Diese Schöpfung sei ihm anvertraut, „um sie in Verherrlichung Gottes zu beherrschen und zu nutzen“ (GS 12).


Den letzten Grund der Würde der menschlichen Person erschloss Leo XIV. aus dem christlichen Glauben. In Christus werde der Mensch sich selbst offenbart. Gaudium et spes habe über den Sohn Gottes formuliert: „Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung“ (GS 22). Von hier aus entwickelte der Papst ein Verständnis der Person, das wesentlich von Beziehung bestimmt war. Person bedeute immer Beziehung, Gemeinschaft und Teilhabe gegenüber Gott und den anderen Menschen. Daraus ergäben sich eine kindliche Beziehung zu Gott dem Vater sowie eine brüderliche Beziehung zu Christus und zu allen Menschen. Ein Verständnis des Menschen, das sich in sich selbst verschließe, widerspreche dieser Sicht. Person zu sein bedeute vielmehr, sich selbst als Gabe wahrzunehmen, die mit anderen geteilt werde, und in der Aufnahme des anderen, in Gegenseitigkeit und Dienst zu wachsen und zu reifen.

Diese Würde sei zugleich jedem Menschen anvertraut und begründe eine Verantwortung. Zugleich verlange sie Solidarität und gegenseitige Sorge. Dabei müssten die zahlreichen Verfälschungen und Manipulationen überwunden werden, die bis in die Gegenwart die Wahrnehmung der menschlichen Würde beeinträchtigten und ihre Verwirklichung erschwerten. Leo XIV. verwies dabei auf die Beschreibung der menschlichen Situation in Gaudium et spes. Aufgrund der Entscheidungen gegen die Würde des Menschen in der Geschichte befinde sich der Mensch auch heute in einem Zustand der inneren Spaltung: „So ist der Mensch in sich selbst zwiespältig. Deshalb stellt sich das ganze Leben der Menschen, das einzelne wie das kollektive, als Kampf dar, und zwar als einen dramatischen, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis“. Diese Verwundbarkeit des Menschen dürfe jedoch nicht ohne die Perspektive der Erlösung betrachtet werden. Denn, so die Konstitution, „der Herr selbst aber ist gekommen, um den Menschen zu befreien und zu stärken, indem er ihn innerlich erneuerte und ‚den Fürsten dieser Welt‘ (Joh 12,31) hinauswarf, der ihn in der Knechtschaft der Sünde festhielt“ (GS 13).

Ein weiterer Schwerpunkt der Katechese lag auf der Ganzheit der menschlichen Person. Gaudium et spes habe eine dualistische Sicht des Menschen zurückgewiesen. Der Mensch sei eine „Einheit von Leib und Seele“. Deshalb könne auch der Leib nicht unabhängig von der Würde der Person betrachtet werden. Eine Reduzierung des Körpers zu einem „Gegenstand“, über den beliebig verfügt werden könne, bedeute nach der Konstitution eine Verneinung der Würde des Menschen. Das Konzil habe deshalb festgehalten: „Das leibliche Leben darf also der Mensch nicht geringachten; er muss im Gegenteil seinen Leib als von Gott geschaffen und zur Auferweckung am Jüngsten Tage bestimmt für gut und der Ehre würdig halten“ (GS 14). Zugleich müsse darüber gewacht werden, dass der Leib sich nicht „den bösen Neigungen des Herzens“ unterwerfe, da jeder Mensch durch die Sünde verwundet sei (vgl.  GS 14).

Am Ende seiner Betrachtung hob Leo XIV. drei Ausdrucksformen der menschlichen Würde hervor, die Gaudium et spes besonders behandelt: Vernunft, Gewissen und Freiheit. Die Vernunft mache den Menschen zu einem unersättlichen Sucher nach der Wahrheit. Das Gewissen ermögliche es ihm, seinem Leben Einheit und Sinn zu geben. Die Freiheit mache ihn zum verantwortlichen Träger seiner Entscheidungen. Diese drei Dimensionen seien miteinander verbunden. Im Gewissen werde die Wahrheit als Wahrheit erkannt, und die Freiheit könne sie als ihren Grund und ihre Möglichkeit erfahren. Damit verband der Papst die menschliche Freiheit nicht mit einer bloßen Möglichkeit beliebiger Entscheidung, sondern mit der Beziehung zur Wahrheit und mit der Verantwortung der Person.

Die christliche Antwort auf die Frage nach der Würde führte Leo XIV. schließlich zum Wirken des Heiligen Geistes und zur Beziehung des Menschen zu Christus. Der Heilige Geist, der in Christus Leben schenke, mache den Menschen frei und sichere ihm fortwährend seine Würde als Kind Gottes zu. Er befreie von der Angst und führe auf das letzte Ziel hin: auf das Leben in Fülle über den Tod hinaus, das Christus verheißen habe. In Christus finde das Geheimnis des Menschen sein Licht. Von Christus empfange der Mensch auch Licht für das Rätsel von Leid und Tod und gehe mit ihm der Auferstehung entgegen. Damit verband Leo XIV. die anthropologische Frage nach der Würde unmittelbar mit der Christologie: Der Mensch könne sein eigenes Geheimnis nicht unabhängig von Christus verstehen, weil in Christus zugleich seine Herkunft, seine Berufung und sein Ziel sichtbar würden.

Zum Abschluss wandte sich der Papst an die Gläubigen mit einer Zusammenfassung der Katechese: „Liebe Brüder und Schwestern, geschaffen nach dem Bild Gottes, durch Christus und auf ihn hin, haben wir eine einzigartige und unauslöschliche Würde empfangen“. Daraus leitete er den Auftrag ab: „Setzen wir uns dafür ein, sie immer zu fördern und zu verteidigen, mit dem Licht und der Kraft des Evangelium“.

Die Würde des Menschen erschien damit in der von Leo XIV. entfalteten Sicht nicht als eine Eigenschaft, die der Mensch durch Leistung erwarb oder durch gesellschaftliche Anerkennung erhielt. Sie gründete im Schöpfungswillen Gottes, wurde in Christus offenbar und fand ihre konkrete Gestalt in Beziehung, Gemeinschaft, Wahrheit, Gewissen, Freiheit und Verantwortung.

Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

Liebe Brüder und Schwestern, einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger deutscher Sprache, besonders an die zahlreichen Teilnehmer der Wallfahrt der Kirchenchöre aus dem Bistum Würzburg in Begleitung ihres Bischofs. Erinnern wir uns daran, dass Gott zu loben und zu preisen unsere höchste Berufung ist. Sein Lob sei immer in eurem Mund (vgl. Ps 34,29)!

Foto (c) Vatican Media

 


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