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Ein Erzbischof auf Staatsbesuch

vor 16 Stunden in Kommentar, 6 Lesermeinungen
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Udo Markus Bentz verlegt für eine Woche seinen Amtssitz ins Ruhrgebiet. Er will sehen, wie die Menschen dort leben und wie die Kirche arbeitet. Das ähnelt einem Staatsbesuch. Der Montagskick von Peter Winnemöller


Linz (kath.net)

In einem Interview ein Jahr nach Beginn seiner Amtszeit als Erzbischof von Paderborn kündigte Udo Markus Bentz an, er werde künftig regelmäßig für jeweils eine Woche seinen Amtssitz in eine Region des Erzbistums verlegen und innerhalb von drei Jahren jeden Kooperationsraum des Erzbistums besuchen. Eine feste Zahl von Besuchen pro Jahr nannte er dabei nicht. Bisher fand jährlich ein Amtssitzwechsel statt. Im Oktober 2025 residierte Bentz im Sauerland und im September 2026 führte er seine Amtsgeschäfte für eine Woche im Ruhrgebiet. Dort besuchte er in der Zeit von 21. bis 27. September 2026 Witten, Hagen, Herne und weitere Orte.

Der Amtssitzwechsel, so kündet die Webseite des Erzbistums, stehe für eine Kirche, die Nähe suche, zuhöre und das Gespräch öffne. Erzbischof Bentz wolle wahrnehmen, wo Kirche heute schon mitten im Leben der Menschen sei, und wo sie neu lernen muss, ansprechbar, verlässlich und hoffnungsvoll präsent zu sein. Ein Erzbischof ist kein Staatsoberhaupt. Dennoch leben deutsche Bischöfe mit dem Erbe ihrer Vorgänger, die zugleich Hirten und Landesherren waren. Ein wenig von diesem Nimbus haftet ihnen immer noch an. Der Vergleich mit einem Staatsbesuch beschreibt daher recht genau, was bei Reisen, wie dem Amtssitzwechsel geschieht. Der Besuchte zeigt sich von seiner besten Seite. Der Besucher zeigt Aufmerksamkeit. Beide versuchen, etwas über den anderen zu erfahren. Zugleich steht die Frage im Raum, wer am Ende etwas zu sagen hat.

Wer glaubt, so ein Amtssitzwechsel sei etwas ganz und gar Neues, täuscht sich gewaltig. In früheren Jahrzehnten, lange bevor Bischöfe über gut motorisierte Dienstkarossen verfügten, dauerte eine Firm- und Visitationsreise mit der Pferdekutsche oft mehrere Wochen. Nicht von ungefähr haben ältere Pfarrhäuser ein unerwartet komfortables Gästezimmer. An manchen Orten heißt es bis heute Bischofszimmer.

Das Programm im Sauerland hatte alles, was eine solche Reise braucht. Eine Pilgerwanderung, soziale Einrichtungen, ein Hospiz, Begegnungen mit Ehrenamtlichen und Jugendlichen, Gespräche mit Vertretern der Wirtschaft und der Politik. Auch für den diesjährigen Besuch ist eine breite Auswahl vorgesehen. Es reicht von der katholischen Grundschule über die Feuerwehr und ein Industrieunternehmen bis zum Abend der runden Tische. Dort bringen persönlich eingeladene Gäste jeweils einen Menschen mit möglichst anderer Perspektive mit. Das ist ein kluger Versuch, den Kreis der üblichen Gesprächspartner einmal zu durchbrechen.

Natürlich will Bentz erfahren, was vor Ort geschieht. Natürlich wollen die Menschen ihm zeigen, was sie leisten. Beides ist legitim. Gerade darin liegt aber die Schwierigkeit solcher Besuche: Der Gast sieht in einer Woche viel und ist dennoch sein Sehen darauf angewiesen, was andere für ihn auswählen. Wer entscheidet über die Stationen? Wer sitzt am Tisch? Wer ist gerade dann verhindert, wenn die Einladung ausgesprochen wird? Ein straffes Programm kann Nähe schaffen. Es kann aber ebenso die Wirklichkeit gezielt vorsortieren.


Dahinter muss niemand böse Absicht vermuten. Jeder Gastgeber möchte, dass der Besuch gelingt. Eine Gemeinde zeigt dem Erzbischof lieber ein lebendiges Projekt als einen ungelösten Personalstreit. Ein kirchlicher Mitarbeiter überlegt sich womöglich zweimal, wie offen er vor dem Mann spricht, der das Bistum leitet und am Ende über sein Wohl und Wehe entscheidet. Je höher der Gast steht, desto größer wird die Versuchung, ihm zunächst das Erfreuliche aufzutischen. Es gibt im Erzbistum Paderborn ein altes Sprichwort: Zwei Dinge bekommt ein Erzbischof bei Visitationen nie: Schlechtes Essen und die Wahrheit.

In Witten zeigte sich auch, dass der Amtssitzwechsel mehr ist als nur eine Besuchsreise mit dem Ziel schöne Bildern zu produzieren. Bentz sprach mit einem Leitungstrio, das dort bereits seit Jahren zusammenarbeitet. Der aktuelle Zuschnitt des Teams entspricht dem der künftigen Teams, die die Leitung in den neuen Seelsorgeräumen übernehmen sollen. Eine Begegnung mit rund hundert Mitgliedern kirchlicher Gremien konfrontierte den Erzbischof mit den Kritikpunkten der Bistumsreform. Werden diese Räume nicht zu groß? Wird zu viel von oben vorgegeben und wie werden die unterschiedlichen Lebenswelten der Region berücksichtigt? Bentz räumte ein, dass die Kommunikation über die Neuordnung offenbar nicht immer gelungen sei. Das ist recht milde ausgedrückt, wenn man die Stimmung in einigen Regionen ungefiltert hört.

Ganz staatsmännisch zog er eine Grenze. Die Bistumsleitung setze die Rahmenbedingungen, die Gestaltung vor Ort liege bei den Menschen in der Region. Darin zeigt sich im Grunde das ganze Machtspiel dieses Besuches, sondern auch des Bistumsprozesses. Die Gemeinden sind bereit mitzugestalten. Doch sind die Gläubigen dazu da, alle zehn Jahre die Kirche neu zu erfinden? Das Erzbistum muss mit weniger Personal zurechtkommen. Das ist ein Faktum, doch daran können die Gemeinden nichts ändern.

Auch das sollte man wissen, alles Reden von Synodalität zerschellt, wenn die Wirklichkeit die guten Absichten überholt. Es mag gut und schön sein, wenn der Erzbischof eine Woche lang mitten unter den Menschen arbeitet, doch auch dann bleiben die Entscheidungen über die Grundzüge der Reform bei der Bistumsleitung.

Die Ähnlichkeit und die Unähnlichkeit zu einen Staatsbesuch zeigen den Spannungsbogen auf, in dem der Amtssitzwechsel steht. Der Erzbischof besucht sein Erzbistum. Wir kennen die Deutschland eine solche Form des Staatsbesuches, wenn nämlich der Bundespräsident ein Bundesland besucht. Hier ist die Ähnlichkeit. Der Hohe Staatsgast besucht ausgewählte Orte, trifft ausgewählte Personen und es gibt Feiern und Festakte. Auch da ist die Ähnlichkeit.

Die Unähnlichkeit liegt vor allem darin, dass die Menschen, die ihn empfangen, weder diplomatische Partner noch bloße Kulisse für die Reise sind oder mindestens sein sollten. Es sind seine Gemeinden. Er ist ihr Bischof. Und auch in den Gottesdiensten geschieht etwas anderes als bei einem protokollarischen Besuch. Bentz’ erklärtes Ziel darf man ernst nehmen. Nach den Besuchen aller 19 Dekanate in seinem ersten Amtsjahr setzte sich die Erkenntnis durch, länger an einzelnen Orten bleiben zu wollen. Eine Woche bietet mehr Gelegenheit zum Gespräch als ein Termin zwischen Ankunft und Abfahrt.

Es gibt eine zeitliche Parallele zu dem Amtssitzwechsel des Erzbischofs von Paderborn. Papst Leo XIV. hat den Bischöfen Lateinamerikas und der Karibik am 8. September einen Brief über ihr Amt, das Bischofsamt, geschrieben. Anlass war der 300. Jahrestag der Heiligsprechung des früheren Erzbischofs von Lima, Turibio von Mogrovejo. Für den Amtssitzwechsel des Paderborner Erzbischofs Udo Markus Bentz liest sich der Brief wie eine Einladung, eine Bestätigung auf dem richtigen Pfad zu sein und wie eine Prüfung seines Anliegens.

Leo erinnert an Turibios ausgedehnte Reisen durch sein Bistum. Manche Wirklichkeiten einer Diözese lassen sich vom Schreibtisch aus schwer erfassen. Bischöfe sollen deshalb selbst zu ihren Gemeinden gehen, den Menschen zuhören und besonders jene aufsuchen, die selten Gelegenheit haben, ihnen zu begegnen. Bentz tut etwas in diesem Sinne, wenn er für eine Woche in Witten wohnt, von dort seine Amtsgeschäfte führt und Menschen in mehreren Städten des Ruhrgebiets trifft. Er wartet nicht darauf, dass sie nach Paderborn kommen. Gerade Leos Hinweis auf die Menschen, die ihrem Bischof selten begegnen, macht jedoch nachdenklich. Bentz hat in seinem ersten Amtsjahr alle 19 Dekanate besucht. Nun will er regelmäßig seinen Amtssitz verlegen und innerhalb von drei Jahren jeden Kooperationsraum erreichen. Dafür werden Aufenthalte, Gespräche und öffentliche Termine geplant. Der Aufwand kann gut angelegt sein. Er zeigt aber auch, dass der persönliche Kontakt zwischen Bischof und Gläubigen im Alltag alles andere selbstverständlich ist. Mit diesem Manko müssen deutsche Bischöfe mehr leben und damit umgehen als Bischöfe in zahlreichen anderen Regionen der Welt.

Ein Besuch bietet nur begrenzt Abhilfe. Wer auf dem Programm steht, bekommt Gelegenheit zum Gespräch. Wer nicht eingeladen wurde, von der Veranstaltung nichts erfährt oder in einer großen Runde lieber schweigt, bleibt auch dann auf Abstand, wenn der Erzbischof in der eigenen Stadt übernachtet. Besonders schwer haben es jene, die mit der Bistumsleitung im Streit liegen oder Kritik an Entscheidungen üben, von denen ihre Arbeit abhängt. Ob sie offen sprechen, lässt sich nicht daran ablesen, wie viele Begegnungen mit dem Bischof im Wochenplan stehen.

Leo richtet den Blick zudem auf die Zeit zwischen solchen Reisen. Er schreibt über das Verhältnis des Bischofs zu seinen Priestern. Keiner solle meinen, er könne sich nur dann an seinen Bischof wenden, wenn ein Problem gelöst werden müsse. Ein Priester müsse vertrauensvoll an dessen Tür klopfen können. Das Bild reicht über den Klerus hinaus. Nähe bewährt sich nicht allein darin, dass der Bischof kommt. Sie bewährt sich ebenso darin, dass Menschen zu ihm kommen können, ohne zuvor Teil eines Besuchsprogramms zu werden. Bentz’ Amtssitzwechsel entspricht also einem wichtigen Anliegen des Papstes. Der Bischof muss seine Diözese kennen, und dazu muss er unterwegs sein. Leo misst ihn aber an mehr als zurückgelegten Kilometern und geführten Gesprächen. Einmal im Jahr lässt sich Nähe leicht organisieren. Das Vertrauen muss zwischen den Reisen Bestand haben, bestenfalls noch wachsen. Nähe beweist sich dann, wenn ein Unerwarteter in Paderborn an die Tür klopft. Wird ihm aufgetan? Hört der Bischof ihm zu? Das wäre der Praxistest.

Es gibt eine weitere Parallele, die nicht unerwähnt bleiben soll. Erzbischof Turibio von Mogrovejo kam aus Spanien nach Lima in Peru. Die Menschen, ihre Sprachen und ihre Lebensverhältnisse waren ihm zunächst fremd. Turibio musste sein Bistum bereisen, um es kennenzulernen und ihm Hirte sein zu können. Papst Leo XIV. erinnert in seinem Brief ausdrücklich daran. Mit Udo Markus Bentz kam ein Pfälzer nach Westfalen. Und ja, die Menschen, ihre Sprachen und ihre Lebensverhältnisse sind ihm fremd. Auch er übernahm eine Diözese, deren Orte, Menschen und Eigenheiten er erst kennenlernen muss. Nach seinen Besuchen in allen 19 Dekanaten sagte er, die Landkarte des Erzbistums sei für ihn kein großer weißer Fleck mehr. Wenn der Erzbischof von Paderborn sehr aufmerksam ist und auch den Brief von Papst Leo XIV. gut studiert, wird er merken, dass die Amtssitzwechsel durchaus erste Schritte in die richtige Richtung sind, aber deutlich zu kurz greifen. Es sind nämlich am Ende doch nur Staatsbesuche.


Der Brief des Heiligen Vaters an die Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik: https://www.vatican.va/content/leo-xiv/en/letters/2026/documents/20260908-lettera-san-toribio-di-mogrovejo.html


 

Bild oben: Ein Erzbischof auf Staatsbesuch. Cartoon erstellt mit KI.


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Lesermeinungen

Jothekieker vor 5 Stunden: Ohne Kirchenfunktionäre

Wenn der Herr Erzbischof wirklich wissen will, wie es um die Gemeinden steht, dann soll er einfach mal unangemeldet nach einem Sonntagsgottesdienst mit den Gottesdienstbesuchern sprechen.
Da wird er völlig neue Erfahrungen machen, denn er braucht bei so einer Gelegenheit nicht zu befürchten, daß er dort einen seiner Kirchenfunktionäre trifft.

tieviekath vor 13 Stunden: Aufgaben eines Bischofs

Vielen Dank für diesen sehr informativen Beitrag. - Mir fiel spontan ein, dass ich es auch sehr gut finde, wenn der Bischof auf seinen Reisen und auch an seinem Amtssitz eine feste Zeit einrichtet - um im Beichtstuhl regelmäßig für die Menschen da zu sein. Trotz aller wichtigen (Reise-)Termine. Vielleicht macht er das ja schon.

modernchrist vor 13 Stunden: Wenn jeder einen mitbringen soll,

der eine andere Richtung hat, dann wird es eine krampfhafte Suche nach Queeren geben - und der Bischof hat dann die fälschliche Meinung, dass das halbe Bistum voller Queere ist!
Ob Progressisten und Liberalkatholiken, die ja den größten Teil der Gremienkatholiken und Pfarreilaien ausmachen, dann auch ehrlicherweise manche einen Konservativen, vielleicht auch mal einen prolife-Engagierten mitnehmen? Vielleicht einen traditionaler aus neuen geistlichen Bewegungen Gesinnten bitten, mitzukommen? Eher wohl nicht. Es wäre fatal, wenn der Bischof am Ende meint, er habe jetzt wirklich den Überblick über die Meinungen seiner "Schäfchen". Es gibt nämlich jetzt schon gewaltige Verzerrungen in der Wahrnehmung.
Am besten sollte man Hauptamtliche und andere evtl. auch mal getrennt anhören.

Fink vor 14 Stunden: Und nicht vergessen: die Aufsicht (!) über die Hochschul-Theologie im Bistum

Es ist AUCH Aufgabe des Bischofs, für die "rechte Lehre" der Professoren für Theologie zu sorgen !
Natürlich ist diese Aufgabe überaus "undankbar". Teile des Personal-Apparates und die gesamten weltlichen Medien arbeiten da massiv dagegen. Stichwort Shitstorm. Da ist es menschlich verständlich, es einfach laufen zu lassen. Aber es ist Aufgabe des Bischofs...usw.

Stefan Fleischer vor 15 Stunden: Gut gemeint

Doch sollte man nie vergessen, was uns ein Lehrer schon vor vielen Jahren bei passender Gelegenheit zu sagen pflegte:
"Gut gemeint will gut überlegt sein."

Versusdeum vor 15 Stunden: Ganz grundsätzlich natürlich zu begrüßen,

sofern es nicht so läuft, wie in Lütz' "Der blockierte Riese" beschrieben: Früher sah der Bischof in den Pfarreien nach dem Rechten, heute kommt der Bischof zum Rapport, um nach den stets gleichen Themen gefragt zu werden: Zölibat, Frauenpriestertum, "Wiederverheiratete Geschiedene"*. Frust auf allen Seiten also vorprogrammiert, weil der Bischof nicht "die Pastoralreferentin ehelichen und auch gleich durchweihen" kann" (so oder ganz ähnlich bei Lütz).
Und man sollte auch nicht 100 Gremienkatholiken fragen, sondern die einfachen Gläubigen. Und ständig über etwas zu diekutieren, was kein Mensch ändern kann (z.B. ein "Frauenpriestertum" einführen, da die wirksame Weitergabe der mit der Weihe unauslöschlich verbundenen göttlichen Vollmachten, etwa zur Wandlung und zur Sündenvergebung in der Beichte, nicht nach Belieben erweiterbar ist)

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