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Leo XIV.: Von den mittelalterlichen Universitäten bis zur theologischen Forschung. Glaube und Kultur sollen weder gegeneinander ausgespielt noch voneinander getrennt werden, sondern sich in der Suche nach Wahrheit begegnen. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) „Da stellte sich Paulus in die Mitte des Areopags und sagte: Männer von Athen, nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromm. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch“ (Apg 17,22-23).
Bei der Generalaudienz am Mittwoch auf dem Petersplatz setzte Papst Leo XIV. seine Katechesenreihe über die Pastoralkonstitution Gaudium et spes des Zweiten Vatikanischen Konzils fort. Im Mittelpunkt stand das zweite Kapitel des zweiten Teils der Konstitution, das der Kultur und ihrem Verhältnis zum christlichen Glauben gewidmet war. Das Konzil habe es nicht versäumen können, sich mit der Kultur auseinanderzusetzen, da diese für das menschliche Leben und für die Weitergabe des Glaubens eine wesentliche Bedeutung besitze.
Die katholische Kirche habe sich stets darum bemüht, die Verkündigung des Evangeliums mit der Errichtung von Schulen unterschiedlicher Art zu verbinden. Diese Einrichtungen hätten der menschlichen, kulturellen und geistlichen Bildung von Männern und Frauen auf den fünf Kontinenten gedient. Auch die mittelalterlichen Universitäten seien, wie Leo XIV. in Erinnerung rief, aus dem Herzen der Kirche hervorgegangen und hätten maßgeblich zur Entwicklung der abendländischen Zivilisation beigetragen.
Zugleich werfe der Fortschritt der Kultur und der Erkenntnisse immer neue und tiefere Fragen auf. Er fordere die Gläubigen dazu heraus, Rechenschaft über ihren Glauben abzulegen, wie es der Erste Petrusbrief verlange (vgl. 1 Petr 3,15–17). Die verschiedenen Ausdrucksformen der Kultur seien darüber hinaus Ausdruck der geistigen Dimension des Menschen. Sie könnten den Verstand für die bleibenden Fragen nach dem Sinn der Welt und der menschlichen Existenz öffnen und so auf die Aufnahme des Evangeliums Jesu Christi vorbereiten.
Den grundlegenden Zusammenhang zwischen Glauben und Kultur verortete Leo XIV. in der Menschwerdung Gottes. Wenn das göttliche Wort Fleisch geworden sei und unter den Menschen gewohnt habe (vgl. Joh 1,14), dann sei der Glaube auch eine inkarnierte Wirklichkeit, die mit der Kultur verflochten sei, in der sie lebe. Zugleich sei der Glaube dazu berufen, selbst Kultur zu werden. Er müsse den Menschen in seinem konkreten Lebensumfeld erreichen, das von menschlicher Sprache und Überlieferung, religiösem Empfinden, Kunst und Dichtung, Denken und Wissenschaft geprägt werde. In diesem Zusammenhang erinnerte der Papst an Johannes Paul II., der die Bedeutung dieser Verbindung mit den Worten zusammengefasst hatte: „Ein Glaube, der nicht Kultur wird, ist ein Glaube, der nicht voll angenommen, nicht ganz durchdacht und nicht treu gelebt wird“.
Der Glaube könne in jeder Kultur Gestalt annehmen, weil er sich mit keiner einzelnen Kultur vollständig identifiziere. Vielmehr wohne er den Kulturen inne und forme sie von innen her nach der Gestalt Jesu Christi. Diese Gestalt zeige sich in der Liebe, im Dienst und in der kindlichen Anerkennung der Vaterschaft Gottes. Die Kirche erkenne deshalb in den unterschiedlichen Kulturen, was in ihnen gut, schön und wahr sei, um die Botschaft des Evangeliums in ihnen Gestalt gewinnen zu lassen und sie weiterzugeben. Zugleich sei die Kirche zu allen Völkern aller Zeiten und Orte gesandt. Deshalb sei sie weder ausschließlich noch unauflöslich an eine bestimmte Rasse oder Nation, an eine besondere Art der Sitte, oder an alte beziehungsweise neue Bräuche ausschließlich und unlösbar gebunden. Leo XIV. führte dazu die Aussage des Konzils an: „Sie läßt zwar den Zusammenhang mit ihrer eigenen geschichtlichen Herkunft nicht abreißen, ist sich aber zugleich der Universalität ihrer Sendung bewußt und vermag so mit den verschiedenen Kulturformen eine Einheit einzugehen, zur Bereicherung sowohl der Kirche wie der verschiedenen Kulturen“ (GS, 58).
Die Förderung der Kultur sei für die Kirche nicht allein ein Mittel zur Evangelisierung. Sie unterstütze die Kultur auch deshalb, weil diese ein Gut an sich sei und dem Menschen bei der Entfaltung seiner Berufung auf Erden diene. Aus diesem Grund fordere Gaudium et spes die internationale Gemeinschaft dazu auf, allen Menschen den Zugang zu den grundlegenden Kulturgütern zu ermöglichen. Analphabetismus und fehlende Bildung müssten überwunden werden. Das Konzil habe darüber hinaus die Forderung erhoben, allen Menschen, die zu einem Hochschulstudium befähigt seien, auch tatsächlich die Möglichkeit dazu zu eröffnen. Leo XIV. unterstrich damit den Zusammenhang zwischen Begabung, Bildung und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Entfaltung menschlicher Fähigkeiten dürfe nicht an Bedingungen scheitern, die einen tatsächlichen Zugang zur höheren Bildung verhinderten. Eine eigene Aussage widme Gaudium et spes der Stellung der Frauen im kulturellen Leben. Es sei, so das Konzil, „Sache aller, die je eigene und notwendige Teilnahme der Frau am kulturellen Leben anzuerkennen und zu fördern“ (GS, 60).
Im Anschluss wandte sich Leo XIV. der Einheit des Wissens zu. Gaudium et spes betone die Notwendigkeit, die Lehre auf eine gewisse Einheit der Erkenntnis auszurichten, auch wenn die veränderten Lebensbedingungen dies erschwerten. Die Christen seien besonders dazu aufgerufen, an dieser Einheit des Wissens mitzuwirken und sie zunächst in sich selbst zu verwirklichen. Obwohl sie durch die Offenbarung Antworten auf die großen Fragen der menschlichen Existenz erhalten hätten, seien sie keineswegs von einer geduldigen intellektuellen und kulturellen Bildung entbunden. Vielmehr müssten ihre menschlichen und wissenschaftlichen Erkenntnisse mit den Inhalten ihres Glaubens Schritt halten. Mit zunehmendem Alter und entsprechend dem jeweiligen Bildungsstand seien die Gläubigen dazu aufgerufen, die Inhalte ihres Glaubens immer tiefer zu durchdringen.
Eine besondere Verantwortung komme dabei den Theologen zu. Das Konzil fordere sie auf, mit den Vertretern anderer Wissenschaften zusammenzuarbeiten und ihre Kräfte und Auffassungen miteinander zu verbinden: „Die Vertreter der theologischen Disziplinen an den Seminarien und Universitäten sollen mit hervorragenden Vertretern anderer Wissenschaften in gemeinsamer Bemühung und Planung zusammenzuarbeiten suchen. Die theologische Forschung soll sich zugleich um eine tiefe Erkenntnis der geoffenbarten Wahrheit bemühen und die Verbindung mit der eigenen Zeit nicht vernachlässigen, um den in so verschiedenen Wissenszweigen gebildeten Menschen zu einem umfassenderen Glaubensverständnis verhelfen zu können“ (GS, 62). Damit hob der Papst hervor, dass theologische Forschung sowohl der vertieften Erkenntnis der Offenbarung als auch dem Gespräch mit der jeweiligen Gegenwart verpflichtet sei. Die Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften solle nicht zu einer Auflösung der theologischen Eigenständigkeit führen, sondern dazu beitragen, die Beziehungen zwischen Glauben und Wissen zu klären und die Erkenntnis des Glaubens zu vertiefen.
Zum Abschluss richtete Leo XIV. den Blick auf die Haltung, mit der Christen der Welt und ihren kulturellen Ausdrucksformen begegnen sollten. Gaudium et spes empfehle nicht, den Glauben in einem Geist der Gegnerschaft oder Feindseligkeit gegenüber der Welt und ihrer Kultur zu leben. Vielmehr fordere das Konzil die Gläubigen auf, „in engster Verbindung mit den anderen Menschen ihrer Zeit zu leben und sich zu bemühen, ihre Denk- und Urteilsweisen, die in der Geisteskultur zur Erscheinung kommen, vollkommen zu verstehen“ (GS, 62). Eine reife und verantwortliche Synthese von Glauben und Kultur sei damit eine notwendige Voraussetzung für die Beständigkeit in der christlichen Berufung. Zugleich bilde sie eine unerlässliche Bedingung dafür, den Glauben gegenüber der Welt zu bezeugen und ihn anderen auf glaubwürdige Weise mitzuteilen.
Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:
Herzlich grüße ich die Pilger deutscher Sprache. Im bevorstehenden Monat November gedenkt die Kirche in besonderer Weise der Verstorbenen. Erweisen wir ihnen das geistliche Werk der Barmherzigkeit für sie zu beten, auf dass sie geläutert zur ewigen Gemeinschaft mit Gott und seinen Heiligen gelangen.
Foto (c) Vatican Media
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